Erasmus in Oslo – ein subjektiver Ratgeber für Einsteiger
Land und Leute
Anreise
Man kommt mit so ziemlich jedem erdenklichen Verkehrsmittel nach Oslo. Drei Möglichkeiten hab ich getestet. Schön ist es zum Beispiel, bei schönem Wetter an Deck einer Fähre in den Fjord zu fahren. Busfahren ist sehr preisgünstig, auch was das Gepäck angeht, aber eben auch immer ein bisschen anstrengend. Diesmal bin ich mit dem Flieger gekommen, das ist besonders wegen des schönen Flughafens (Gardermoen) empfehlenswert, auf dem ich dann auch meine erste Nacht verbracht habe.
Stadt
Je nachdem, woher man kommt, kann einem Oslo klein oder groß vorkommen. Es ist wahrscheinlich nicht die schönste Stadt der Welt, aber immerhin die größte Norwegens. Bei mir war es nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick, aber mittlerweile – wie soll ich es sagen – hat sich da was entwickelt. Das liegt natürlich nicht zuletzt an all den Erlebnissen und Erinnerungen. Und genau darum geht es auch in diesem kleinen, in keinster Weise objektiven Stadtführer. Also, lasst die Touristenzentren hinter euch und findet euer eigenes Oslo!
Norweger und Norwegisch
Auch wenn man, so wie ich, nicht mir Norwegern zusammenwohnt, findet man zahlreiche Möglichkeiten, die daheim angeeigneten Sprachkenntnisse zu erproben, also nur keine Scheu! Sinnvoll ist es zum Beispiel, die Seminare zu nutzen (Gruppenarbeit, Referate, Versuche etc.), sich in Studentenvereinigungen zu engagieren und natürlich am Freitag- und/oder Samstagabend einfach mal auf die Straße zu gehen. Doch dazu später.
Wetter
Das Wetter ist in Norwegen eine spannende Sache und ein beliebtes Gesprächsthema. Wetterberichte sind interessant, aber nichts, worauf man sich verlassen sollte. Also immer für alles gewappnet sein und das Beste draus machen, schließlich kann nicht jeder so viel Glück haben wie ich (viel Sonne, im November noch auf dem Balkon Mittag gegessen).
Wohnen
Rechtzeitig bewerben und nach Möglichkeit schon ein paar Tage vor Unistart ankommen, dann ist die Auswahl an Zimmern noch größer. Ich hab in Sogn gewohnt und kann das Wohnheim eigentlich nur empfehlen. Uninah und recht gemütlich, auch wenn ich mit meiner WG nicht den besten Griff getan hatte. Kringsjå ist deutlich größer und weniger hübsch, dafür aber ein bisschen mehr Partyzone. Über Bjerke hab ich ausschließlich Horrormeldungen gehört (eigentlich wollte jeder dort sofort wieder weg) und über die anderen Wohnheime will ich mir mal kein Urteil erlauben. Man kann schließlich nicht alles checken. Ein paar glückliche Menschen mit Kontakten hatten Zimmer in WGs direkt in der Stadt. Auch schön, aber dafür entgeht einem vielleicht ein bisschen das typische Austauschstudentenleben.
In den meisten Zimmern gibt es einen Internetzugang, ein LAN-Kabel sollte man aber mitbringen, denn drahtlos geht hier nichts (aus Sicherheitsgründen).
Verkehr
Per pedes ist in Oslo einiges zu schaffen, gerade wenn man aber öfter mal zum Einkaufen in die Stadt fährt, lohnt sich ein Studententicket für zurzeit 430 NOK pro Monat. Das gilt allerdings nicht für die Nachtbusse (die kosten immer 50 NOK), dafür sind jedoch die Fähren zu den Inseln im Fjord inklusive. Das lohnt sich besonders, wenn Badewetter herrscht.
Ein gängiges Fortbewegungsmittel ist zudem das Rad, gewöhnlich ohne Licht und Klingel. Wer vorhat, sein Pferd mitzubringen, wird sich freuen, in unmittelbarer Umgebung traumhafte Reitwege durch die Nordmarka zu finden. In der Stadt ist es allerdings wahrscheinlich eher hinderlich.
Und wer bei der Überschrift an den anderen Verkehr gedacht hat, dem sei gesagt, dass die Norweger durchaus nicht so verschlossen sind wie man manchmal hört. Also immer schön vorsichtig sein und viel Spaß!
Einkaufen
Geld
Miete, Essen und Bücher machen wohl den Großteil der Ausgaben aus, wobei besonders der letzte Posten nicht zu unterschätzen ist. Man sollte also gut vorbereitet sein. Vor Ort dann aber lieber das Umrechnen in Euro sein lassen, dass frustriert nur. Am besten einen bestimmten Betrag pro Monat veranschlagen, und dann alles, was nicht für eben diese Sachen draufgeht in Ausflüge, Ausgehen, Sport, oder was man eben machen will, investieren.
Bei Semesterbeginn kann man außerdem ganz gut ein paar kostenlose Sachen wie Kalender und Willkommenstüten mit allerlei Nützlichem abstauben.
Worauf man sich nicht verlassen sollte, sind norwegische Preisschilder, besonders in Supermärkten. Das scheint hier eher so ‘ne Art grober Richtwert zu sein. „46 NOK“ kann da auch schnell mal „49 NOK“ bedeuten, hinzu kommen solche Dinge wie Flaschenpfand (das kennt man ja) und die Ørerundung, die auch dann „Abrundung“ heißt, wenn sie eigentlich eine Aufrundung ist. Es lohnt sich auch, Kassenzettel und Wechselgeld zu kontrollieren, besonders bei LIDL, denn da herrscht immer ein bisschen Stress.
Essen und Trinken
Generell sollte man sich wohl darauf einstellen, eher zu- als abzunehmen. Aber es steht natürlich jedem frei, etwas dagegen zu unternehmen.
Ansonsten gilt:
- Obst und Gemüse kauft man wohl am günstigsten bei LIDL und generell in Grønland, ab und zu bietet aber auch ICA eine Woche lang verschiedene Produkte 40% reduziert an, und da ist auch immer ein Gemüsetag dabei (frisch, kein altes Zeug!).
- Es lohnt sich natürlich, auch Norwegisches zu probieren: brunost, lefse, lompe und den ganzen Spaß, außerdem Fisch und die fantastischen Backwaren (Solskinsbolle etc.). Gibt’s alles in jedem Supermarkt und ist selbstverständlich eine Frage des Geschmacks.
- Lettøl ist kein Bier.
- Für Mitglieder des Studentersamfundet gelten im Chateau Neuf ermäßigte Preise (Bier 33 statt 46 NOK, Limo 15 statt 24 etc.)
Hygiene
Es gibt in Norwegen keine günstigen Drogerien wie in Deutschland, aber eigentlich findet man dann doch irgendwie alles.
- bei LIDL kann man z.B. preiswertes Duschgel, Haarwäsche, Zahnputzzeug und sowas, aber auch Putzmittel kaufen
- Schminkkram und Haarprodukte der etwas exklusiveren Art gibt’s bei H&M, KappAhl und so
- Zahnseide und Besen (nicht unbedingt in Kombination zu gebrauchen) hab ich z.B. bei –nille gefunden
IKEA
Das schwedische Möbelhaus besucht wohl jeder Austauschstudent früher oder später, sei es, weil er in einer Küche ohne Messer und Gläser landet oder um einfach einen Hotdog zu essen. Letztere kosten nur 5 NOK, sind dafür aber ohne Gurken und Zwiebeln, also kein Spaß für Stapelfreunde.
Jedenfalls gibt es in der Umgebung Oslos zwei Filialen, Slependen und Furuset, zu beiden fahren kostenlose Busse. Das Mysteriöse daran ist, dass die Haltestelle kaum gekennzeichnet ist und einem zudem niemand so richtig Auskunft darüber geben kann/will/darf, wo man diese Busse findet. Ich versuche jetzt mal, das Geheimnis zu lüften: Wer in der Frederik Olsensgate etwa auf Höhe der Prinsens gate sucht, ist auf dem richtigen Weg, wenn ich mich recht entsinne. Zur Not nochmal die Parallelstraßen checken. Abfahrtszeiten immer zur vollen und halben Stunde.
Shopping
Völlig klar, dass Norwegens Hauptstadt mehr zu bieten hat als H&M und die Karl Johans gate. Meine persönlichen Favoriten: Trödelmarkt in Grünerløkka und Schnäppchen bei Indiska (Kleider für 20 NOK, hallo?!). Wie überall gilt, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Die schwarzen Bretter in den Wohnheimen sind eigentlich auch immer voller Angebote: Fernseher, Fahrrad oder Haarschnitt, alles günstig von Studenten zu haben. Also Augen auf!
Arbeit und Vergnügen
Uni
Wer in Berlin oder wo auch immer an weit auseinander gelegenen Instituten studiert, lernt bald die Vorteile einer Campusuni zu schätzen. Abgesehen von kurzen Wegen bietet die UiO auch tolle Bibliotheken. Hier sollte man sich allerdings Bücher, die man braucht, rechtzeitig sichern, da es nicht selten nur ein Exemplar gibt, das für bis zu vier Wochen ausgeliehen werden kann. Und glaubt mir, egal wie ausgefallen euer Hausarbeitsthema sein mag, es gibt garantiert jemanden, der dieselbe Literatur braucht. Auch die Pensumreader bei Akademika sollte man sich frühzeitig besorgen (und dann ggf. lieber wieder zurückgeben, falls man den Kurs wechselt), weil die teilweise nachdrucken müssen und man dann möglicherweise erstmal wochenlang ohne dasitzt.
Falls man zu Semesterbeginn noch ohne Internetanschluss im Zimmer ist, kann man in der Uni problemlos ins Netz, häufig auch ohne Passwort. Ein gutes Indiz dafür ist, dass man vor den Computern stehen muss (z. Bsp. in der großen Bib in Georg Sverdrups hus und im Erdgeschoss von Sophus Bugges hus).
Kostenlos kann man zudem 250 Seiten schwarz/weiß ausdrucken, dazu einfach an einem der PCs in den Bibliotheken mit Benutzernamen und Passwort anmelden.
Bei der Kursanmeldung sollte man schnell und vor allem hartnäckig sein. Einfach so lange fragen, bis man jemanden gefunden hat, der einem hilft.
Die Kurse selbst können zwei oder auch mal drei Stunden dauern, wahrscheinlich gibt’s auch richtige Blockkurse. Anders als bei uns hat man zwischendurch eine Pause (oder mehrere, je nach Länge der Veranstaltung). Man wird eigentlich überall geprüft und muss auch im Laufe des Semesters Qualifikationsaufgaben einreichen (Referate oder ca. fünfseitige Arbeiten). Daher gilt von Anfang an: lesen, lesen, lesen! (Wer allerdings während seines ganzen Semesters nicht einmal mit dem Lesepensum hinterherhinkt, hat wohl kein Leben neben der Uni.)
Die Einführungsveranstaltungen und die Angebote für Austauschstudenten sind fantastisch! Nehmt, was ihr kriegen könnt und versäumt vor allem nicht die Semestereröffnungszeremonie, falls ihr zum Herbstsemester herkommt
Außerdem kann ich nur empfehlen, den special registration day der Polizei zu nutzen. Ich war dumm genug, elf Tage eher auf eigene Faust hinzugehen und musste dann irgendwie sechs Wochen länger warten als die anderen.
Und bei Problemen einfach gleich ins Administration Building zu Ted Essebaggers gehen.
Arbeit
Ich habe das Glück, zum ersten Mal seit etwa sechs Jahren nicht neben Schule bzw. Studium arbeiten zu müssen und bin daher nur bedingt kompetent, darüber Auskunft zu geben. Fest steht: Ich habe viele getroffen, die einen Job gefunden haben, für kurz oder auf Dauer. Wenn man nur eine Beschäftigung/Kontakt/Erfahrung sucht und nicht unbedingt aufs Geld aus ist, bieten sich zum Beispiel die vielen Freiwilligenjobs im Chateau Neuf und den anderen Studentenkellern an.
Ausgehen und Kultur
Eine Mitgliedschaft im Studentersamfundet (100 NOK/Semester) lohnt sich auf jeden Fall, denn dadurch bekommt man ermäßigte Tickets zu allen Veranstaltungen im Chateau Neuf, Vergünstigungen an der Bar und ist auch gleich noch Mitglied im Cinema Neuf, dem Kinoclub.Was man dann an kulturellen Angeboten wahrnimmt, ist natürlich jedem selbst überlassen, aber hier ein paar Anregungen.
- Cinema Neuf: verschiedenste Filme, immer am Dienstag und Donnerstag; zu Beginn des Semesters Filmnacht mit drei Filmen hintereinander
- Theater Liksom spiller Micetro: Improvisationstheater auf Norwegisch, jeden Mittwoch im Chateau Neuf
- außerdem gibt’s im Chateau Neuf Lesungen, Diskussionen etc.
- International Coffee Hour: freitags zwischen 16 und 18 Uhr gibt’s Kaffe, Tee und Kekse umsonst und noch dazu die Möglichkeit, mit anderen Austauschstudis Kontakte zu knüpfen
- Konzerte: da gibt’s in der Stadt eigentlich für jeden Geschmack und Geldbeutel was, kostenlos zum Beispiel sonntagabends im Blå – sehr empfehlenswert!
- Museen: außerhalb der Saison gern mal kostenlos, wie z. B. das Munch Museet
- Fußball: wer in Sogn wohnt, kriegt das quasi umsonst, da das Stadion gleich nebenan ist; wer’s mag sollte aber vielleicht auch mal reingehen
- Essen gehen: in Grünerløkka haben wir uns z. B. bei L’Oasis Mazze (Trondheimsveien 14) für 70 NOK p.P. richtig den Bauch vollgeschlagen
- Ausgehen: wenn man einen Club gefunden hat, der einem gefällt, einfach mal nicht die letzte Bahn (ca. 0:30 Uhr) nehmen, sondern bis zum Ende (also bis um drei) bleiben und dann nach Hause laufen
Unternehmungen
Bei den Special Events für Austauschstudenten sollte eigentlich für jeden was dabei sein. Wenn man nicht allein in seiner Bude rumhängen will, ist das eine geeignete Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen. Außerdem kann ich nur jedem ans Herz legen, die norwegische Natur zu genießen. Ich bin eindeutig kein Bergmensch, aber hier hab selbst ich angefangen, zu wandern – gern auch mal morgens um fünf, um einen Sonnenaufgang am See zu erleben oder auf einem einsamen Hügel zu picknicken.
Und wenn man schon mal so weit (also bis nach Norwegen) gekommen ist, sollte man auch ein bisschen mehr vom Land sehen, als nur die Hauptstadt. Wer also noch nicht alles kennt, ist hiermit aufgerufen, zu reisen, was das Zeug hält. Nutzt die Billigtickets des NSB und Lavprisekspressen und macht die Umgebung unsicher. Über StudiVZ oder Facebook sind auch schnell Unterkünfte bei anderen Studenten gefunden und ein Gegenbesuch lockert dann auch mal wieder den Alltag in Oslo auf. Kostet also fast nix und auf der Fahrt kann man auch problemlos ein bisschen Pensum aufholen.
Dinge, die man meiner subjektiven Meinung nach in Oslo getan haben sollte und die dazu beitragen, dass man sich unglaublich norwegisch fühlt
- wandern
- schwimmen (im Fjord und im Sognsvann)
- Sonnenauf- und/oder Untergang am völlig stillen See beobachten
- jemandem den Weg erklären (natürlich nicht ungefragt)
- gegebenenfalls die Haare flechten
- übers Wetter reden (aber nicht meckern)
- einen Einweggrill benutzen (ist natürlich aus Umweltschutzgründen abzulehnen, aber einmal muss man sich vielleicht überwinden)
- in einer Ausgehnacht (Freitag oder Samstag) zwischen Mitternacht und ein Uhr auf Oslos Straßen unterwegs sein und sich von all den verrückten, betrunkenen Norwegern mitreißen lassen
So, das waren ein paar hoffentlich nützliche Tipps für euch angehende Osloer (wenn auch nur auf Zeit). Für Richtigkeit und Vollständigkeit übernehme ich keine Garantie. Bleibt neugierig, habt Spaß und denkt immer daran, dass eure Erasmuszeit eine einmalige Gelegenheit ist (und viel zu kurz)!
Fragen, Korrekturen und Anregungen sind jederzeit willkommen!
Und zuletzt noch ein wirklich weiser Rat: Falls ihr in Sogn wohnt oder dort mal jemanden besucht, werdet ihr wahrscheinlich nicht umhinkommen, irgendwann die große, rote Brücke zu überqueren. Wenn ihr erstmal drauf seid, bleibt auf einer Seite, lauft geradeaus und mit gleichmäßigem Tempo und falls ihr aus irgendwelchen Gründen eine Ausweichbewegung machen müsst, dann niemals ohne Schulterblick. Das gilt besonders nachts. Ihr werdet merken, wieso.



außerdem bei winterwetter und glätte sehr vorsichtig auf und von der brücke runter gehen. gestreut wird in oslo nur dort wo in der gleichen saison jemand bereits verunglückt ist.
Och, musst du denn immer alles verraten?
Ja, grad heute konnte ich zum ersten Mal ein bisschen schliddern – höchst elegant und komplett vorsätzlich natürlich.
Hallo!
fahr in 2 wochen für 1 Semester nach Oslo!
bitte jeder der Leute kennt, die gerade drüben sind oder rüber fahren, sich bei mir melden – damit ich schon mal jemanden kenne.
danke!